Lernforschung August 2026· 70 Quellen · 13 Prinzipien · 4 Tiefbohrungen· abgeschlossen

Was 'kilma' aus der Lernforschung übernehmen kann

Die Recherche sortiert 34 Methodenkandidaten in drei Fächer: was die Evidenz trägt, was sie ausschließt — und was die App nur an eigenen Daten herausfinden kann. Das dritte Fach ist das größte, und das ist das Ergebnis.

01

Die vier Ausgangsdefizite nach der Prüfung

Anlass war ein Grilling am 10.08.2026, in dem vier Schwächen der App benannt wurden. Nur eines davon hat die Prüfung unverändert überstanden.

Wiedererkennen ≠ Können

teils entwarnt, teils bestätigt

Die Sorge „verdecktes Abrufen ist wertlos“ ist widerlegt — verdeckter Abruf erzeugt denselben Testeffekt wie offener (η²p = .41 vs. .24). 'kilma' verschenkt nicht den Lerngewinn, sondern die Messung. Bestätigt bleibt: produktives Wortwissen zerfällt weit schneller (58,5 % → 25,1 % gegen 60,1 % → 39,4 %).

Einzelwörter ohne Kontext

als Defizit weitgehend widerlegt

Der einzige direkte Kopf-an-Kopf-Test — glossierter Beispielsatz gegen nacktes Wortpaar über zehn Testformate — fand keinen signifikanten Unterschied. Kontext trägt erst ab ≥ 10 Kontexten pro Wort: bei 178 Vokabeln rund 1.780 Sätze. Übrig bleibt ein schmaler, gut belegter Rest: Kollokationen als eigenes Lernziel.

Lernstand ungenutzt

bestätigt — mit umgekehrtem Adressaten

Dashboards zeigen über 38 Studien keinen Leistungseffekt, substanzielle Effekte nur auf Beteiligung. Der richtige erste Leser des ReviewLog ist deshalb nicht der Lernende, sondern der Entwickler. Das ist der einzige zeitkritische Punkt der ganzen Recherche.

Infotainment

die Frage ist falsch gestellt

Die Evidenz stützt weder „baue Spielmechanik ein“ noch „Spielmechanik schadet“. Sie stützt eine andere Trennlinie: informierend vs. kontrollierend, und im Material zielführend vs. zielabführend. Beide Effektrichtungen sind klein. Kein Defizit mit einer Lösung, sondern eine Designhaltung mit zwei Leitplanken.

02

Sortiertisch: 34 Methodenkandidaten

Alle Kandidaten auf einer gemeinsamen Effektstärken-Achse — soweit überhaupt ein d oder g existiert. Wo keines berichtet wurde, steht das dort, statt eine Zahl zu erfinden. Zeile aufklappen für Vorbehalte, Aufwand und Quellen.

Fach
Adressiertes Defizit
Sortierung
Achse liest sich so
verifiziertes d/g
Zahl nicht am Original verifiziert
keine Effektstärke berichtet

Nur d und Hedges' g stehen auf der Achse. η², Prozentwerte und Log Loss sind andere Maße und werden im Klartext genannt.

03

Reihenfolge — Dringlichkeit vor Ertrag

Diese Liste ist eine echte Sequenz: Ganz oben steht, was verloren geht, wenn es nicht jetzt passiert. gradeCard überschreibt den Vorzustand in derselben Transaktion, in der es die Log-Zeile schreibt — jede heute unvollständig protokollierte Antwort fehlt für immer.

1ReviewLog instrumentierenjetztprevPhase, prevIntervalDays, prevDueAt, prevEase, revealMs, autoRevealed, undoneAt statt delete, sessionId — eine Migration. Der Vorzustand wird sonst mit derselben Transaktion überschrieben.
1aÜber den Sitzungs-Eimer mitentscheidenjetzt, mit 1Die Spezifikation streicht das Feld bewusst — wer L8 je messen will, muss es in derselben Migration ziehen oder die Frage endgültig fallen lassen.
2Währenddessen Oberfläche und Scheduler einfrierenjetztWird gleichzeitig an der Mechanik geschraubt, zerfällt die Datenreihe in ein Vorher und Nachher, das nicht mehr zusammenrechenbar ist. Deploy-Datum notieren.
3note konsequent füllenlaufend, ab sofortGrößter belegter Einzelhebel der ganzen Recherche bei technisch null Aufwand — Kollokation, Abgrenzung, Register, „sagt man nur zu …“. d 0,32 → 0,49 bzw. 0,46 → 0,99.
4Produktive Richtung priorisierennach 1–2Adressiert den größten gemessenen Zerfall (58,5 % → 25,1 %) mit einer kleinen Änderung an der Queue-Reihenfolge — außerhalb des SM-2-Kerns.
5Chunks und Kollokationen in den Korpusparallel zu 3Einziger Kontextbefund mit starker Evidenz (d = 1,415, explizit > implizit) — und der einzige ohne Schemaänderung und ohne Satzbeschaffung.
6Zielhorizont setzenvor jeder IntervalldiskussionCepedas Regel ist ein Anteil und braucht einen Nenner. Ohne die Produktentscheidung „'kilma' optimiert auf Behalten über X“ ist jede Zahl am Scheduler unbegründbar.
7Handlungsleitender Satz am Sitzungsendenach 1, klein haltenEinziger belegter Wirkpfad statt einer Anzeige (g = 0,40) — aber aus fremdem Kontext übertragen, deshalb klein und widerrufbar.
8Auswertungsskript hinter geschützter RouteStufe 1 ab ~300 AntwortenVorher produziert es Zahlen, die man nicht lesen darf — und die Versuchung, sie doch zu lesen, ist der eigentliche Schaden.
9Ease-Drift beobachtenMonate entferntDer Mechanismus ist zwingend, die Datenlage nicht — beobachten, nicht blind ändern.
10Vorab-Einschätzung als bewusstes Experimentfrühestens nach 1 und 8Weder Befürwortungs- noch Widerlegungsevidenz, aber dokumentierte Nebenwirkungen — nur sinnvoll, wenn messbar.
Multiple Choice als Einstiegsstufe für neue WörteroptionalBillig und theoretisch plausibel, löst aber kein Problem, das 'kilma' hat.
Statistikansicht · Streak · Beispielsätze · Texteingabe · FSRS · Bilder · Mnemonik · Tageslimit-Debattegar nichtAcht Vorhaben, die in Fach 2 liegen — jeweils mit dem Befund, der sie ausschließt, im Sortiertisch oben. Der Wert dieses Fachs ist, dass die Ideen in einem halben Jahr nicht als Geistesblitz zurückkehren.
04

Die 13 Prinzipien darunter

Jede Landkarte synthetisiert mehrere Quellen und benennt Widersprüche, statt sie zu glätten. Sie sind die Ebene, auf der die Kandidaten oben stehen.

PrinzipKernaussageLeitzahlDefizit
Retrieval PracticeDer Testeffekt ist real und mittelgroß, aber ein Produkt seiner Bedingungen: Feedback verdoppelt ihn fast, 18 % aller Effektstärken sind negativ.g = 0,50
[0,42; 0,58]
trägt alles
SpacingDass Verteilen hilft, ist erledigt. Ob Intervalle expandierend oder gleichmäßig wachsen, ist meta-analytisch unentschieden — 'kilma's konkrete Werte sind schlicht unerforscht.g = 0,74
Muster: 0,034
InterleavingBei Wörtern kehrt sich der Effekt um. Die Autoren nennen Fremdsprachen ausdrücklich: nicht empfohlen.g = −0,39
[−0,64; −0,14]
Generation EffectSelbst erzeugen schlägt lesen, und der Vorteil wächst mit dem Behaltensintervall. Produktives Wortwissen zerfällt weit schneller als rezeptives.d = 0,40
> 1 Tag: 0,64
Desirable DifficultiesAuch scheiternde Abrufversuche zahlen sich aus — sofern korrektives Feedback folgt. Lernende erkennen den Nutzen nicht.d = 1,49
Kornell Exp. 4
Metakognition / JOLEin Urteil bei sichtbarer Antwort misst Zusammengehörigkeit, nicht Abrufbarkeit. Selbst mit Musterlösung gaben Lernende 44 % klar falscher Antworten Punkte.g = 0,93
verzögerte JOL
FeedbackDer Informationsgehalt entscheidet, nicht dass überhaupt Feedback kommt. Der Kanal ist egal — computergestützt ist nicht schwächer als menschlich.0,05 → 0,32 → 0,49
KR / KCR / EF
③ ④
Kontext vs. WortpaarWortfokussiertes Pauken liefert pro Wort ein Vielfaches von beiläufigem Input; ein einzelner Beispielsatz bringt nichts.60 % vs. 9–18 %
keine d-Werte
Elaboration & MnemonikEine anspruchsvollere Aufgabe schlägt eine längere. Keyword-Mnemonik bleibt umstritten — 1,62 unter Studienbedingungen gegen „low utility“.d+ = 0,50
Selbstbezug
Cognitive Load & Dual CodingBilder sind nicht der Wirkfaktor — die erzwungene Entscheidung ist es. Eine zweite Modalität bringt 0,46 sofort, 0,28 verzögert; eine dritte nichts.g = 0,46 → 0,28② ④
Seductive DetailsIrrelevanter Zusatzinhalt schadet — aber je besser die Methode, desto kleiner der Effekt: 0,30–0,48 (2012) → −0,37 (2020) → −0,16 (2026).g = −0,16
beste Meta
Gamification & AdherenceDie Trennlinie verläuft nicht bei „Spielelement ja/nein“, sondern bei informierend vs. kontrollierend. Zu Abbruchquoten gibt es keine Meta-Analyse.d = +0,33 / −0,28…−0,40
SRL & LernanalytikSichtbarer Fortschritt steigert verlässlich die Aktivität, nicht die Leistung. Feedback wirkt schlechter, je mehr es zur Person statt zur Aufgabe zeigt.d = 0,41
> ⅓ negativ
05

Elf Widersprüche, die offen bleiben

Sie werden hier benannt, nicht aufgelöst. Wer eine der betroffenen Entscheidungen trifft, trägt den Widerspruch mit.

01 Feedback-Timing
sofortMera 2025: sofort ≫ 48 h, η²g = .28. Feldstudien favorisieren sofort.
verzögertMetcalfe 2017: Labor favorisiert verzögert, Kinder lernen so besser. Nakata 2015 an L2-Paaren: gar kein Einfluss.
02 Keyword-Mnemonik
d = 1,62Scruggs 2000, unter Studienbedingungen — Population: Lernende mit Lernschwierigkeiten.
low utilityDunlosky 2013, Generalisierbarkeit über Materialien und Intervalle. Beide Stufe 1, beide korrekt, verschiedene Fragen.
03 Expandierend vs. gleichmäßig
expandierendNakata 2015b: begrenzter, aber signifikanter Vorteil.
gleichmäßig / egalKarpicke 2007: gleichmäßig gewinnt nach 2 Tagen. Latimier g = 0,034, Kim & Webb „statistically equivalent“. Vier Quellen, drei Antworten.
04 Multiple Choice vs. Kurzantwort
MC 0,70Adesope 2017, gegen Kurzantwort 0,48.
dreht sich umKang 2007: mit korrektivem Feedback gewinnt Kurzantwort. Nakata: „kommt auf die Rechtschreibung an“.
05 „Schwerer ist besser“ gilt nicht monoton
Effort zahltErfolgsquote < 50 % → g = 0,99.
aber nicht linearFree Recall ist im vollen Datensatz nicht besser als Cued Recall (0,29 vs. 0,61); Bertsch findet den Generation Effect bei Cued Recall am größten.
06 Erfolgsquote gegen Bifurkationsmodell
BifurkationMehr erfolgreiche Abrufe → größerer Effekt.
ModeratorSagt das Gegenteil — und zwar innerhalb derselben Meta-Analyse. Rowland löst es über Feedback auf und mahnt selbst zur Vorsicht.
07 Wie groß ist der Feedback-Effekt?
0,38 – 0,48Kluger 1996 · Wisniewski 2020.
0,70 – 0,79Hattie 2007. Der deutlichste Hinweis darauf, dass „Feedback“ als Konstrukt zu grob ist.
08 Papier schlägt digital
BefundLei & Reynolds 2022, 32 Studien zu Wortkarten: größere Effekte für Papierkarten.
KonsequenzFür eine App ein unbequemer Befund — er wird in der Tiefbohrung bewusst nicht wegerklärt.
09 Gamification
wirktSailer 2020: auch langfristig, längere Interventionen mit größeren Effekten.
schadetHanus 2015: Bestenliste + Abzeichen senkten Motivation über 16 Wochen. Auflösbar nur über die Zusammensetzung.
10 Elaborative Retrieval greift hier nicht
TesteffektFür Übersetzungspaare belegt.
BegründungRowland kodiert „foreign language translations“ ausdrücklich als nicht semantisch elaborierbar — die gängigste Erklärung trägt für 'kilma's Material also nicht.
11 Errorful generation bei Wortpaaren
PrinzipFehlversuche verbessern das Behalten, mit Feedback.
offener EinwandSeabrooke 2019: „improves memory for items, not associations". Nur der Titel wurde gesehen, der Inhalt ist nicht verifiziert — träfe er zu, wäre es der stärkste Einwand gegen das Prinzip in genau diesem Anwendungsfall.